Jedes Versprechen ist gegen das Leben


Eine persönliche Geschichte von mir:

Mein Vater war ein christlich geprägter Mensch. Sein Handeln war stark von moralischen und familiären Überlegungen bestimmt. Ich habe zwei Halbbrüder A und B, die waren Kinder seiner ersten Frau, die früh verstarb. Jetzt gab einen Erbfall, bei dem mein Vater A und B überzeugte, auf ihr Erbe verzichteten, zugunsten des Schwagers meines Vaters, einem Landwirt. Sein Ziel war eine Teilung des landwirtschaftlichen Grundbesitzes zu vermeiden.

Im Gegenzug gab mein Vater meinen beiden Halbbrüdern am Grabe Ihrer Mutter das Versprechen, ihnen nach seinem Tod, in seinem eigenen Erbe den entgangenen Anteil auszugleichen.

In den späten Lebensjahren wurden meine Eltern, die sich weiterhin um meinen geistig behinderten Bruder kümmerten, immer gebrechlicher. Gemeinsam mit meinem nächst älteren Bruder C bauten sie ein Haus, in dem meine Eltern, der behinderte Sohn und Bruder C mit seiner Familie in einer Wohn- und Pflegegemeinschaft lebten.

Der Hausbau wurde aber teurer als geplant, und die finanziellen Mittel meines Vaters reichten letztlich nicht aus, um sein Versprechen an meine beiden Halbbrüder A und B einzulösen. Mein Vater war sich dessen bewusst und litt stark unter dieser nicht mehr erfüllbaren Verpflichtung. Er brach von meiner Schwägerin deswegen sogar in Tränen aus. 

Mein Vater brachte aber bis zu seinem Lebensende nicht den Mut auf, meinen Brüdern einzugestehen, dass er sein Versprechen nicht würde einlösen können. Mein Vater starb ohne A und B dieses Eingeständnis mitgeteilt zu haben. Die tatsächlich Erbschaft war um Faktoren kleiner, als A und B erwartet hatten.

Meine beiden Halbbrüder sind bis heute überzeugt, dass der Vater das Versprechen gehalten haben muss, aber der pflegende Bruder C müsse das Geld halt "irgendwie" auf die Seite geschafft haben. Sie haben einen Anwalt genommen, um ihn zu verklagen. 

 

Versprechen aus der spirituellen Perspektive

Lassen Sie mich das Prinzip von Versprechen von der spirituellen Perspektive anschauen. 

Der Vater sagt zum Kind: ich verspreche dir, wenn du größer bist, bekommst du ein Klavier .

Die Freundin zum Freund: Ich verspreche, dass ich dich immer lieben werde.

Jemand sagt: Ich verspreche, dass ich dich anrufe. Ein anderer: Ich verspreche, dass ich mich ändere. Die 9 jährige Marie schreibt ins Poesie-Album: Ich verspreche für immer deine Freundin zu sein... Ich verspreche, was auch immer...

Wenn Sie das Leben ohne Scheuklappen betrachten, können Sie erkennen: jedes Versprechen negiert das Leben. Das Leben entscheidet, nicht Sie! Sie haben keine Kontrolle über irgendetwas.

Diese Erfahrung der eigenen Ohnmacht hat jeder tausendfach erlebt. Aber Sie geben Versprechen! Wenn sie ein Versprechen geben, ist es nicht anders möglich, als dass sie glauben, Sie hätten Kontrolle über sich und die Zukunft.

Manchmal mögen Sie die frisch gekaufte Bluse schon nicht mehr, Minuten nachdem Sie sie aus dem Geschäft getragen haben. Genauso wie Sie nicht wissen, ob Ihnen dieses Parfum noch in einem Jahr gefällt oder ob Sie in zwei Wochen noch denselben Nachtisch mögen, können Sie auch bei einem Verspechen nicht wissen, was Sie in Zukunft darüber denken werden. 

Erinnern Sie sich an die Tausende Dinge in Ihrem Leben, zu denen Sie eine andere Meinung bekamen, tausende Dinge, wo das Leben Ihnen andere Umstände erzeugte, als Sie erhofften - aber beim Versprechen denken Sie "Ich gehe davon aus, dass ich die Zukunft voraussehen kann"

 

Sie haben keine Verantwortung über Ihre Meinung

Es gibt einen weiteren zugrunde liegenden spirituellen Irrtum. Der sitzt noch tiefer.

Sie haben eine völlig falsche Vorstellung, wer die Verantwortung über Ihre Meinungen, Ihrem Geschmack und Ihre Gedanken hat. Sie denken, Sie wären verantwortlich dafür, was sie heute denken und was Sie morgen denken. Das sind Sie aber nicht.

Versuchen Sie einmal Ihren Musikgeschmack für ein, oder zwei Jahre garantiert vorherzusagen. Oder versuchen Sie einmal, Ihre Meinung zur AfD willentlich zu ändern, oder Ihre Meinung zu Anstand gegenüber andern, oder zur Religion oder was auch immer... UNMÖGLICH!

Wenn Sie keine Verantwortung für Ihre Meinung haben, ist auch jede Planung ihrer Meinungen sinnlos. Sie können Erstens nicht sicher sein, was an der nächsten Biegung Ihres Lebens passiert und zweitens welche Einsichten Sie dort haben. Oder, noch näher an der Wahrheit: Welche Einsichten Ihnen dort gegeben werden. 

Deswegen ist jedes Versprechen eine Vergewaltigung des Prinzips des Lebens. Das Leben macht das Leben, nicht Sie.

Wer das Leben verstanden hat, hört auf zu versprechen.

Jedes Versprechen ist eine Selbstlüge.

 

 


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